Tod im grünen Klee

Neuners 3. Fall

 

 

Auszug aus Kapitel 1

»Gretti, Greeeetttiiiii, verdammt noch eins, Greeeettttiiiiiiii!!!«

»Lorenz, bist du des Wahnsinns, warum plärrst denn so durch die Gegend«, keifte Margarethe Aigner, die das Küchenfenster sperrangelweit geöffnet hatte. Sie funkelte ihren Mann, der im Hof vor dem Fenster stand und wie am Spieß nach ihr schrie, böse an. »Denk doch einmal an unsere Pensionsgäste, was sollen die denn von uns denken?«

»Was gehen mich deine Gäste an? Scheißegal, was die denken oder auch nicht. Wo zum Teufel sind meine Gummistiefel und mein Thermoanzug? Ich will fischen gehen, und zwar jetzt!«, brüllte Lorenz Aigner weiter, ganz so, als hinge sein Leben davon ab. Mit feuerrotem Gesicht, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er tobend im Hof. »Wird’s bald, oder soll ich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hier warten?«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost?!« Margarethe war mit den Gummistiefeln ihres Mannes in der Hand herausgekommen und schleuderte sie ihm schwungvoll vor die Füße. »Da hast du deine verdammten Stiefel, die übrigens ICH geputzt habe! Den Anzug findest in deiner Fischerhütte, dort, wo du ihn vorgestern auch ausgezogen hast«, keifte sie ihn giftig an.

»Geht doch!« Knurrig, ohne Margarethe eines Blickes zu würdigen, nahm Lorenz Aigner die Gummistiefel und schlug den Weg in Richtung Hütte ein.

»Wann kommst du denn wieder, du Grantscherbn?«, rief ihm Margarethe noch nach. Doch ihr Mann machte nur eine abfällige Handbewegung, ohne zu antworten. Margarethe schüttelte den Kopf, ehe sie murmelnd im Haus verschwand.

Margarethe und Lorenz Aigner kannten sich schon aus der Schulzeit und waren sich als Jugendliche spinnefeind. Ihre Eltern hatten es sich aber damals in den Kopf gesetzt, dass die beiden unbedingt heiraten mussten. Immerhin galt es, zwei große Nachbarhöfe am Stadtrand von Salzburg zu vereinen. Margarethe und Lorenz hatten sich, wenn auch widerwillig, den Plänen ihrer Eltern gebeugt, um nicht gänzlich enterbt zu werden.

Mittlerweile waren sie bereits eine halbe Ewigkeit verheiratet. Anfangs hatte die Ehe noch funktioniert, sie hatten sich arrangiert, und zeitweise waren sie sogar richtig glücklich mitei­nander. Nach außen hin ist man bis heute bemüht, den Schein der perfekten Familie zu wahren. Margarethe kümmerte sich liebevoll um den Bauernhof ihrer Eltern, den sie zu einer Frühstückspension umgebaut hatte. Die Pension Zum grünen Klee war wegen der Stadtnähe zu Salzburg bei Touristen sehr beliebt. Lorenz pflegte das restliche Anwesen, das unter seiner Führung eine beachtliche Größe erreicht hatte. Er liebte es, Großgrundbesitzer zu sein, und war voll in seinem Element. Überall war er ein hochgeschätzter und gern gesehener Gast. Alle aus der Umgebung kannten und respektierten ihn.

»Schei… Stiefel«, schimpfte Lorenz Aigner, nachdem er sich endlich in seinen engen Fischeranzug gezwängt hatte. »Dass die immer so eng sein müssen, diese verdammten Dinger«, knurrte er verärgert.

Nachdem er es endlich geschafft hatte, sich auch seine gefütterten Stiefel über die Fischerhose zu ziehen, packte er seine Angel. Gerade als er den Kübel nehmen wollte, um in Richtung Salzachsee aufzubrechen, wurde die Tür zur Fischerhütte aufgerissen, und Lorenz erschrak fürchterlich.

»Willst mich wohl ins Grab bringen, du undankbares Geschöpf«, fauchte er seinen Sohn Tim, der zwischen Tür und Angel stand und ihm den Weg versperrte, gehässig an. »Was willst du? Sicher wieder Geld, oder?«, herrschte er ihn an.

»Bist doch sonst nicht so schreckhaft, Vater.« Der groß gewachsene Tim grinste ihn frech an.

»Zum letzten Mal, was willst du? Du siehst doch, ich hab es eilig.«

»Die Fische werden doch wohl noch ein paar Minuten warten können. Außerdem fängst du um diese Zeit sowieso keinen mehr. Bist unten am See bist, ist es finster.« 

»Aber du, du fangst gleich eine«, grölte Lorenz und schwang seine Rechte in Richtung seines Sohnes.

Tim, der seinen Vater um einen Kopf überragte und ihm auch körperlich überlegen war, wich gekonnt zurück und lachte lauthals auf. »Knapp daneben ist auch vorbei.« 

»Wenn du nur da bist, um mich zu provozieren, dann passiert gleich was!«, schrie Lorenz seinen Sohn noch lauter an.

Tims Miene versteinerte sich schlagartig. Er kannte seinen cholerischen Vater und wusste, dass dieser es ernst meinte. »Nein, ich will dich nicht provozieren, nur warnen. Ich hab dich gesehen.«

»Du hast mich gesehen, du hast mich gesehen …«, äffte sein Vater ihn nach, »… na und? Wo hast du mich denn gesehen?«

»In Anif, beim Friesacher, mit einer Frau. Und zwar in einer eindeutig zweideutigen Situation, die ich gerne der Mama erzählen werde, wenn …«

»Wenn was?«, unterbrach sein Vater ihn nun drohend. »Willst mich leicht erpressen? Ich glaub, ich spinn!«

»Tststs! Wer spricht denn von Erpressung? So ein unschönes Wort würde ich doch nie verwenden. Ich möchte dich nur bitten, mir eine Reise nach Australien zu finanzieren. Du willst mir doch sicherlich etwas Gutes tun, so als netter, liebevoller Vater, oder? Es sind bald Semesterferien, und ich habe als guter Sohn auch brav studiert. Im Gegenzug erfährt die Mama nichts von deinem Techtelmechtel. Wie sagt man so schön? Eine Hand wäscht die andere.«

»Ah gehhhh …!! Der Herr Sohn möchte verreisen. Nach Australien. Weiter weg geht’s wohl nimmer, oder? Wer glaubst du denn eigentlich, wer du bist? Denkst du, dass ich einen Gold­esel hab? Und außerdem, was geht dich das an, mit wem ich wann und wo unterwegs bin, und was du immer siehst, glaubt dir sowieso kein Mensch.« Lorenz schnaubte wütend und wollte an seinem Sohn vorbei zur Tür hinaus.

Tim hielt ihn zurück. »Gut, lassen wir es drauf ankommen, dann schenk ich jetzt der Mama reinen Wein ein und erzähl ihr, was du hinter ihrem Rücken so treibst, und auch, was man sich in der Wirtschaft so erzählt.« Seine Stimme war drohender geworden, und seine Augen funkelten boshaft.

»Ja, du Drecksack, du verdammter! Ja, glaubst du allen Ernstes, dass ich mich von dir erpressen lass?« Der Zorn über seinen missratenen Sohn stand Lorenz tief ins Gesicht geschrieben. Seine Augen quollen über, und die Farbe seines Gesichts wechselte zwischen Blass und Feuerrot. Er schwang die Angel, die er in der linken Hand hielt, doch Tim fing sie geschickt ab und lachte ihn aus.

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