Leseprobe aus "PRALINEN DES TODES"

Neuners 1. Fall

Kapitel 1

Mia und Alexia waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie die Musik nicht wahrnahmen.

»Und dann, das musst du dir mal vor Augen führen.« Alexia stocherte appetitlos in ihrem griechischen Salat herum. Tränen der Enttäuschung und des Zorns liefen über ihr hübsches Gesicht. »Ich komm aus der Dusche, der Kerl gibt mir einen Kuss wie schon lange nicht mehr, drückt mir eine Tasse Kaffee in die Hand und legt mir einfach die Scheidungspapiere auf den Frühstückstisch.«

Mia, Alexias beste Freundin und Geschäftspartnerin, die eigentlich Maria Anna Steiger hieß, verschluckte sich und ließ versehentlich ihre Gabel klirrend zu Boden fallen. »Er hat was?!«, prustete sie hervor. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ist er denn von allen guten Geistern verlassen?«, schrie sie empört durchs Restaurant.

Einige Gäste drehten sich pikiert zu Mia um, musterten die aufgebrachte, elegant gekleidete junge Frau kurz, um sich dann wieder ihren Mittagessen zu widmen. Der aufmerksame Kellner brachte Mia sofort ein frisches Gedeck. Doch die wutentbrannte Mia schob ihre Gemüsequiche mitsamt dem Besteck beiseite und schlug mit der Faust auf den Tisch. »So etwas kann er doch nicht machen, was denkt diese widerwärtige Person sich eigentlich dabei? Ich hab es ja schon immer gewusst, dieser Dreckskerl, mir fehlen die Worte. So einfach kannst du ihn nicht davonkommen lassen.« Mia atmete schwer, sie hatte sich in Rage geredet. »Pass auf, auf dem Weg zur Galerie setze ich dich bei Mertens und Partner ab, dein Patenonkel wird dir sicher juristischen Rat geben können, du musst sofort handeln, Alexia.«

Mia deutete dem Kellner, dass sie zahlen wollte. Ungeduldig fingerte sie in ihrer Geldtasche herum. Nach kurzem Suchen zog sie einen Fünfzig-Euro-Schein heraus und knallte ihn auf den Tisch. Mia sprang auf und deutete ihrer Freundin, dasselbe zu tun. Sie kannte Alexia gut genug, um zu wissen, dass dieser Tag für Alexia gelaufen war und sie die gemeinsame Galerie alleine öffnen musste.

Kapitel 2

Alexia sah sich in Jan Mertens’ Büro um. Ein kleiner enger Raum mit einem Guckloch, nicht größer als das Bullauge eines Schiffes. Trotzdem schien die Sonne durch diese winzig kleine Luke und warf ein scharfes Lich auf einen Aktenberg, der sich am Boden neben jeder Menge Fachzeitschriften, Zeitungen, Lexika und Gesetzestexten stapelte. Alexia hatte das Gefühl, dass die Sonne genau diesen Aktenberg ausgesucht hatte, um ihm einen ganz besonderen Glanz zu verleihen. Unwillkürlich musste Alexia lächeln. Noch nie hatte sie so ein Durcheinander und Chaos gesehen. Unter unglaublichen Papierbergen ließ sich der antike Schreibtisch, den sie im Sommer gemeinsam mit Jan bei einem Trödler gefunden hatte, nur noch erahnen.

Markus Mertens, Alexias Patenonkel und Jans Vater, einer der angesehensten Anwälte der Stadt und bester Freund ihres Vaters, protegierte seinen Sohn nicht. Er war der Meinung, dass Jan sich den Platz in der Kanzlei erst durch harte Arbeit verdienen müsse.

»Alexia, willkommen in meiner Gruft.« Lachend kam Jan Mertens zu Tür herein, küsste Alexia auf beide Wangen, entfernte einige Akten, die seinen Besucherstuhl blockierten und platzierte sie geschickt auf den überhäuften Schreibtisch. Offensichtlich hatte er Übung im Stapeln. Elegant und gekonnt schwang er den Stuhl in Alexias Richtung. »Setz dich doch. Schön, dass du mal bei mir reinschaust, hattest du geschäftlich bei meinem Vater zu tun?«

»Nein, Jan«, Alexia räusperte sich. »Ich bin in einer eher privaten Angelegenheit hier.« Verlegen blickte sie zu Boden, denn eigentlich wollte sie nicht, dass Jan sie so sah. »Jan, ich brauche deinen Rat als Freund und Anwalt.«

»Das klingt ja mysteriös. Du erledigst doch sonst alle juristischen Belange mit meinem Vater.« Alexia setzte sich, stellte ihre Handtasche auf dem Aktenberg neben dem Stuhl ab und schlug elegant ihre Beine übereinander. »Jan, ich hab da ein Problem …« Sie blickte ihm nun direkt in die Augen. Irgendwo unter dem Stapel Akten und Büchern summte ein Telefon. Eine schöne Melodie, die immer lauter wurde, ertönte. »Solltest du den Anruf nicht entgegennehmen?«

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