Leseprobe aus "DIE FINNISCHE SOCKE"

Neuners 2. Fall

 

 

Kapitel 5

 

Nach dem Essen hakte Ritva Mattila sich bei ihrem Mann unter.

»Ein Spaziergang wäre jetzt wirklich gut nach diesem üppigen Dinner, oder was meinst du, Ritva?«

»Ja, auf jeden Fall, Darling, ich muss mich aber vorher dringend umziehen, abends ist es doch schon etwas kühl. Kommst du mit?«

»Nein, ich warte hier auf dich, ich wollte mich noch kurz bei Professor Lindner bedanken, dass er mir einen zusätzlichen Workshop ermöglicht.« Jussi gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. »Ich warte dann an der Bar auf dich, Kulta, ich kann es kaum erwarten, dir Salzburg bei Nacht zu zeigen, und sei so lieb und bring mir meine Jacke mit.« Er nannte Ritva oft Kulta, was so viel wie Goldschatz hieß, denn für ihn war sie wirklich einer. Sie war immer für ihn da und hielt ihm den Rücken frei, obwohl auch ihr Job anspruchsvoll und nicht immer einfach war.

Jussi Mattila entdeckte Professor Lindner an der Hotelbar, mit zwei anderen Teilnehmern in ein Gespräch vertieft. Als er auf die Gruppe zugehen wollte, schallte es auf einmal quer durch die Lobby.

»Ah!! Huhu! Professor Mattila!!« Eine korpulente große Frau, die Mattila nicht kannte, kam schnellen Schrittes auf ihn zu. »Professor, ich bin so begeistert von Ihrem Vortrag, ich möchte Sie unbedingt näher kennen lernen. Vielleicht darf ich Sie auf einen Drink einladen, damit Sie mir noch mehr von Ihrem Punkteplan erzählen können?« Die Frau wirkte hektisch, fast schon hysterisch, und ihre quietschende Stimme passte so gar nicht zum Rest ihrer Erscheinung.

»Entschuldigen Sie, darf ich fragen, wer …«

»Ja, natürlich Professor, ich bin ja so unhöflich, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Doktor Freija Olafsdottir-Hansen, nennen Sie mich Freija, ich bin Psychologin und spezialisiere mich gerade auf Patienten mit Burnout-Syndrom.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. »Gestern bin ich extra für Ihren Vortrag aus Dänemark angereist. Ich bin so erfreut, Sie hier wiederzusehen. Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich Sie bewundere, Professor. Ich habe alle Ihre Bücher und medizinischen Essays gelesen.« Die Frau war nicht mehr zu bremsen. Obwohl sie ihm bekannt vorkam, konnte Jussi nicht zuordnen, wo er dieser Person schon einmal begegnet war. In ihm breitete sich langsam Unbehagen aus, zumal diese Frau auch seine Hand nicht mehr losließ.

»Liebe Frau Doktor …« Er wurde sofort unterbrochen.

»Nicht Frau Doktor!« Freija Olafsdottir-Hansen schüttelte bestimmend den Kopf. »Bitte, Professor, nennen Sie mich doch einfach Freija.« Ihre Stimmlage hatte sich verändert, und sie warf ihm einen koketten Blick zu.

»Liebe Freija …« Doch er konnte seinen Satz nicht zu Ende führen, denn wieder unterbrach diese unverschämte Person ihn.

»Ach, Professor, Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon, Sie möchten etwas trinken. Einen österreichischen Weißwein vielleicht? Hier gibt es einen der besten, die ich kenne, einen Grünen Veltliner, Smaragd Kellerberg, ein exquisites Tröpfchen, sag ich Ihnen. Ich lasse mir den immer nach Kopenhagen schicken. Ich bin mir sicher, Sie werden begeistert sein, Professor«, und schon schrie sie in Richtung Bar: »Eine Flasche Grünen Veltliner Smaragd Kellerberg und zwei Gläser, aber pronto!«

So eine peinliche Person hatte Jussi Mattila noch nie erlebt. Er setzte noch einmal an: »Freija, ich bitte Sie. Ich möchte keinen …«, schon wurde er wieder von der Psychologin unterbrochen.

»Ach, Papperlapapp, Sie trinken jetzt in aller Ruhe ein Glas Wein mit mir, und wir machen es uns gemütlich und können dann endlich über Sie und Ihr Sanatorium sprechen. Ich dulde keine Widerrede!« Ihr schrilles Lachen ließ Jussi erschrocken zusammenfahren.

Ritva Mattila, die ihrem Mann schon aus der Ferne ansah, dass er von einer Dame bedrängt wurde, schlich sich langsam von hinten an die beiden heran und unterbrach den Redeschwall der ihr unbekannten Frau.

»Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich Sie unterbrechen muss, aber mein Mann und ich haben es eilig. Wir sind noch verabredet. Hier, Darling, deine Jacke.«

Fahrig drehte sich Freija zu Ritva um. »Wie bitte?«, und zu Professor Mattila: »Sie sind mit Ihrer Frau angereist, ich dachte …«

Ritva unterbrach sie schroff: »Was denn, was denn, dachten Sie etwa, dass mein Mann alleine hier sei und Sie ihn hier abfüllen und dann abschleppen könnten? Nun, das tut mir aber leid für Sie, wohl dumm gelaufen.« Ritva hakte sich bei ihrem Mann unter, gab ihm einen Kuss und grinste spitzbübisch. Jussi war erleichtert, umarmte seine Frau und lächelte Freija noch an, ehe er sich höflich verabschiedete.

»Wer oder was war das denn?«, flüsterte Ritva ihrem Mann zu, als sie sich langsam und gemächlich zum Ausgang bewegten. »Eine Frau Doktor Olafsdottir-Hansen aus Dänemark, irgendeine Psychologin, die offensichtlich ein Fan von mir ist. Schreckliche Frau, penetrant, hysterisch, laut und einfach nur peinlich«, raunte Jussi.

Ritva kicherte. »Psychologen haben doch alle einen an der Klatsche. Sieht aus wie eine Walküre und benimmt sich wie ein Groupie. Bei der scheint wohl etwas schiefgegangen zu sein, da muss ich wohl wirklich gut auf dich aufpassen, mein Lieber.« Schelmisch pikste sie ihren Mann in die Seite.

Lachend und gut gelaunt machten sich die beiden auf den Weg, um das nächtliche Salzburg zu erkunden.

Die erboste Freija blickte ihnen neidisch hinterher. »So eine unverschämte Kuh«, murmelte sie und setzte sich auf eines der Sofas in der Nähe der Bar, um den Grünen Veltliner, den sie bestellt hatte, nun alleine zu leeren. Wenn Blicke töten könnten, wäre Ritva Mattila sofort tot umgefallen, noch ehe sie die Hotellobby verlassen hätte.

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